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Sentiero delle meraviglie-
der Weg der wunderbaren Dinge
Der Weg der wunderbaren Dinge- dieser Titel macht neugierig. So sehr, daß
wir beschließen, ihn zu begehen.
Vom "Centro Paladina" aus fahren wir über Pura und Bedigliora direkt ins
Herz des Malcantone, nach Novaggio. Am Sportplatz stehen viele Parkplätze zu
Verfügung und das sogar gratis, das erste Wunder! Dort beginnt auch der
Rundlehrpfad zu den Industriedenkmälern des Malcantone. Wir werden dort auf
Überreste von alten Mühlen, einer Schmiede, verlassenen Minen, einer uralten
Wehranlage und einer Ziegelbrennerei stoßen. Soviel verheißt uns jedenfalls
das kleine Faltblatt, das im Hotel ausliegt.
Doch wir treffen auf noch viel mehr wunderliche Dinge in diesem verlassenen
Tal...
Der Weg führt zunächst leicht abwärts und folgt der alten Fahrstraße, die
bis 1911 benutz wurde. Zur Sicherung der Böschung wurden kunstvoll
aufgeschichtete Trockenmauern errichtet, an denen man zuerst unachtsam
vorbeigehen möchte, wäre da nicht ein ständiges Geraschel und Gehusche:
Eidechsen sonnen sich auf den warmen Steinen, um im nächsten Augenblick vor
dem Schatten des Betrachters in eine winzige Lücke zu entfliehen. Doch nicht
lange, dann lugt wieder ein neugieriges Reptilchen mit seinen schwarzen
Augen aus dem Versteck hervor. Schmetterlinge fliegen taumelnd umher, Käfer
krabbeln geschäftig von ihren Wohnungen zur nächsten Nahrung und sogar
Spatzen nisten in den Fugen der Steine. Da bleiben wir gerne stehen und
schauen uns das lebhafte Treiben an.
Weiter geht es auf unserem Weg und schon stehen wir vor einem verfallenen
Gebäude, der Hammermühle "Molino di Vinera". Der kleine Bach Torrente de
Vinera müht sich vergebens ab, diese Mühle noch einmal zum klappern zu
bringen und wir folgen den Wegweisern zu den alten Minen und Schürfstellen.
Hier wurde vor 150 Jahren eine metallhaltige Ader entdeckt und verfolgt.
Stollen führen tief in das innerste der Erde. Wir betreten sie nicht, denn
es ist gefährlich, ziemlich niedrig, und möglicherweise würden Fledermäuse
auf uns warten? Eine Analyse ergab 12 Gramm Gold auf eine Tonne Gestein.
Offiziell wurde bis 1919 nach Gold geschürft, aber wir sehen staunend einem
Goldwäscher zu, der seine geröllgefüllte Goldwäscherpfanne im Bach hin- und
herschwenkt. Da muß doch was zu finden sein! Und tatsächlich, wir finden vor
dem Baglioni-Stollen auch glitzerndes Gold. Bei näherem Hinsehen erweist es
sich aber als Katzengold, Pyrit nennt es der Fachmann.
Wir vermuten, die Ausbeute des Mannes im Fluß ist auch nicht viel besser,
dafür finden wir den Beweis: Die Ehefrau des eifrigen Goldwäschers sitzt im
Schatten eines Kastanienbaumes und liest ein Buch. Sicherlich hätte sie
sonst mitgeholfen zu schürfen, oder tut sie es nur zur Tarnung um uns zu
täuschen? Wir werden uns einmal umhören, wo man Goldwäscherpfannen kaufen
kann...
Unsere nächste Station ist eine Burgruine. Überreste von bis zu 1,20 Meter
dicken Mauern lassen erahnen welch mächtige Festung hier einmal stand.
Bisher hatte noch kein Archäologe Zeit, hier einmal zu forschen.
Möglicherweise war hier ein Beobachtungsposten, der die alte Römerstraße
nach Mailand kontrollierte. Am Südhang der Burg befinden sich gut erkennbare
Terassenfelder. Auf kleinen Streifen von 1,50 Metern Breite wurde früher
Roggen angepflanzt. Wie mühsam hatten es doch unsere Vorfahren!
Wir gehen weiter und treffen auf eine wunderliche Ansammlung von alten
Schuppen, rostigen Traktoren, einem großen Indianerzelt, Autowracks und
einer Menge Tieren. Schafe, Ziegen, Pferde, Ponys, Hühner, Schweine und
Esel. Den Tieren scheint es hier zu gefallen und wir schauen ihnen eine
Zeitlang zu. Versorgt werden sie von bärtigen Männern, die wie Gestalten aus
dem Wilden Westen erscheinen. Bis das 21. Jahrhundert hier in diesem Tal
Einzug hält, wird es noch eine Weile dauern. Oder hat hier ein Wanderzirkus
sein Hauptquartier?
Bald darauf kommen wir zu der alten Hammerschmiede von Aranno. Ein
sogenannter Schwanzhammer (dem einzigen der Schweiz), wird mit Wasserkraft
angehoben und fällt mit Wucht auf das Werkstück hernieder. Seit der
Renovierung 1992 hämmert die Schmiede wieder am rauschenden Bach. An der
Südostwand befindet sich eine Sonnenuhr mit der Überschrift: "Nun begleitest
du mit deiner Zeit wieder die Schläge der renovierten Schmiede". Neben den
Stunden und Halbstunden teilt sie uns auch mit, ob wir Sommer oder Winter
haben. Doch Vorsicht: Sie zeigt die wahre Sonnenzeit und geht nicht etwa
falsch. Wer möchte, kann anfangen zu rechnen: Wir brauchen dazu nur die
geographische Länge unseres Standortes. Beim "Centro Paladina" z.b. beträgt
sie 8° 52' 18,7" Ost. Diese Gradzahl müssen wir einfach von den 15° unseres
Zentralmeridians für MEZ abziehen und für jeden Grad 4 Minuten hinzurechnen.
Das heißt, wahrer Mittag ist hier also erst um 12:24:30,8 Uhr. Dann
korrigieren wir noch die jährliche Zeitgleichung, die wir leicht aus einer
Tabelle entnehmen können. Abschließend ziehen wir noch eine Stunde ab, falls
wir Sommerzeit haben, und schon haben wir das Ergebnis!
An diesem schönen Tag ist uns die Zeit allerdings völlig egal und wir
marschieren weiter, überqueren den Magliasina und folgen seinem Lauf durch
einen wunderschönen Auwald. Hauptsächlich Erlen stehen hier, und der Boden
ist übersäht mit Blumen. Wilde Krokusse und Tulpen, blaue Hyazinthen, weiße
Schneeglöckchen und Buschwindröschen, gelbe Wiesenprimeln und
Schlüsselblumen, violette Veilchen... allesamt kleine Frühlingsboten, die im
Wald einen zarten Duft verströmen.
Und dann die Vögel! Von allen Seiten hört man das lebhafte Singen und
Zwitschern, kaum kann man einzelne Stimmen unterscheiden. Nur der Specht
hämmert eifrig an einer neuen Höhle, ist weithin zu hören und an seinen
Trommelschlägen zu erkennen.
Aranno heißt unser nächstes Ziel. Wir steigen durch einen Eichen- und
Kastanienwald steil nach oben und gelangen auf einem steingepflasterten Pfad
in das romantische Dörfchen mit seinen engen Gassen. Von der Kirche San
Vittore genießen wir die Aussicht hoch über dem Magliasina Tal über das
sonnige Malcantone und sehen am gegenüberliegenden Hang unseren Zielort
Novaggio. Katzen schleichen über den Kirchhof, lautstark kommentiert von
einem blaugelben Papagei.
Über zahlreiche Serpentinen des kaum mehr sichtbaren, abenteuerlichen Pfades
durch den Wald, über umgestürzte Bäume hinweg, gelangen wir wieder an den
Fluß. Auch hier wurde vor 150 Jahren nach Gold gesucht. Und nicht nur
damals, schon wieder steht ein moderner Prospektor im Fluß und läßt die
Goldwäscherpfanne kreisen. Wir müssen dringend mal sehen, wo man so etwas
kaufen kann...
Durch eine steile Rinne steigen wir den Hang empor, erreichen die alte
Ziegelbrennerei und die Fundamente eines Wachttürmchens. Von dort hatte man
eine Sichtverbindung zur Burganlage und konnte Beobachtungen schnell
weitermelden.
Das letzte wunderliche Ding des Tages steht dann wieder mitten im Wald: eine
rostige Schubkarre. Wer hat sie dort wohl abgestellt? Sie ist auch ein
Zeugnis von Industriekultur und träumt vor sich hin, von den Zeiten als sie
noch gebraucht wurde. Kurz darauf erreichen wir wieder unseren
Ausgangspunkt, den Sportplatz von Novaggio.
Aber ein Abstecher ins Dorf muß ja noch sein. Und so betreten wir den
Dorfladen, der wirklich sehenswert ist. Er hat einfach alles. Man darf nur
sehr schmal sein, um nicht rechts und links die Regale leerzufegen. Eine
kleine, alte Dame mit noch kleinerem Hundchen kommt herein, sie hat mit dem
Dorfmetzger Antonio gewettet, wie groß dieser fremde Wanderer wohl wäre und
bittet um die Lösung. Dann beginnt sie ein Gespräch: Sie wäre schon 87 und
hätte schon alles gesehen, aber Novaggio, seufzt sie: dort will sie sterben.
Ob wir denn nicht mal den berühmten, luftgetrockneten Ross-Schinken
probieren möchten, etwas Besseres gäbe es nicht. Nein, sagen wir, eine
Flasche Wein aus dieser Region, das wäre schon eher etwas. Nun soll der
schnell herbeigerufene Metzgermeister Antonio Empfehlungen geben. Lautstark
diskutieren die Beiden, Antonio greift kurzerhand zum teuersten Erzeugnis,
hat in der Dame aber einen erbitterten Gegner: "Antonio, such den Beiden
was Besseres!" Endlich haben sie eine gemeinsame Empfehlung und alle
verlassen den Laden, wir zum Auto und Antonio zurück in sein Geschäft. "Wie
es denn mit dem Schinken sei, der wäre wirklich gut!" ruft uns und alte Dame
noch hinterher.
Man könnte diese Leute wunderlich nennen. Oder einfach nur nett!
Roland § Sylvia Garburg, erwandert im März 2004
Einige Daten:
Weglänge 7 Kilometer, Dauer beim einfachen Wandern 3-4 Stunden, bei
ausgiebigem Betrachten und verweilen sollten schon 6 Stunden eingerechnet
werden.
Teilweise sind Anstiege zu bewältigen, insgesamt sind es 339 Höhenmeter.
Mit kleinen Kindern oder bei Nässe ist der Weg nicht zu empfehlen, feste
Schuhe oder Wanderstöcke sind angebracht.
Vorsicht bei rutschigem Laub!
An der Burgruine ist ein Picknickplatz, an der Hammerschmiede vom April bis
zum Herbst eine Gastwirtschaft.
Von Novaggio bis zum Paladina sind es 10 Minuten Fahrzeit, und dort wartet
schon ein köstliches, verdientes Abendessen auf den müden Wanderer.
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